Schematische 3D - Animation der menschlichen DNA - anklicken zur Vergrößerung (3 MB)
Gendoping bezeichnet einen
gentherapeutischen Eingriff, bei dem die menschliche Erbsubstanz
verändert wird, um die sportliche Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Das
Gendoping ist eine neue
Form des Dopings, die bislang nicht in größerem Umfang nachgewiesen werden
konnte. Präventiv
werden jedoch bereits Tests für Gendoping entwickelt. Gendoping ist zudem in der
„Liste verbotener
Wirkstoffe und Methoden“ der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland (NADA)
aufgeführt
und somit im Leistungssport verboten.
Wie funktioniert Gendoping?
Unter Gendoping werden
gentherapeutische Verfahren zusammengefasst, bei denen in das Erbgut menschlicher Zellen neue Genabschnitte eingebracht werden, die eine Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit bewirken.
Dieser Effekt kann direkt erfolgen,
indem das eingefügte Genmaterial
den Bauplan für eine Substanz enthält, welche die Leistungsfähigkeit erhöht.
Jedoch ist
auch eine indirekte Wirkung möglich: Das eingefügte Genmaterial kann den Bauplan
für eine
Substanz enthalten, der zum Beispiel wiederum ein Gen aktiviert, das die
Leistungsfähigkeit erhöht.
Die Wirkung würde damit über eine Art Dominoeffekt erzielt.
Um das fremde Erbmaterial in die Zellen einzuschleusen, werden Genfähren
verwendet. Dies
können entschärfte Viren und andere Konstrukte sein.
Stand der Entwicklungen
Mittlerweile wurden mehr als siebzig Genvarianten im menschlichen Erbgut
gefunden, die mit einer
besonderen körperlichen Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht werden. Dabei
steht jedoch
längst fest, dass nicht ein einzelnes Gen die sportlichen Fähigkeiten bestimmt,
- beispielsweise
gibt es kein einzelnes Gen für besonders gute Sprinter – sondern eine Vielzahl
von Genen und
nicht-genetischen Eigenschaften. Den einzelnen Erbmerkmalen kommt daher nur ein
begrenzter
Beitrag für die Leistungsfähigkeit zu.
Mit Blick auf die Prävention wird vielfach betont, dass Forschung mit dem Ziel
des Gendopings
sich oft nicht als solche identifizieren lässt, da experimentelle medizinische
Gentherapien etwa
gegen Blutarmut, rheumatoide Arthritis oder Muskelschwund auch zur
Leistungssteigerung missbraucht
werden können. Entsprechende Gentherapien können die Muskeln aufbauen bzw. die
Zahl an roten Blutkörperchen erhöhen. Als primäres Ziel von Gendoping wurden von
Fachleuten
bislang sieben Botenstoffe bzw. deren zugehörige Baupläne im Erbgut
(entsprechende Genabschnitte)
ausgemacht: Dies sind Erythropoetin (erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen),
Myostatin
(erhöht die Muskelmasse), insulinähnliche Wachstumsfaktor IGF-1 (regt das
Muskelwachstum
an), „Peroxisome-proliferator-activated"-Rezeptoren (regen die Aufnahme von
freien Fettsäuren
in Fettzellen an), humaner Wachstumsfaktor hGH (stimuliert das Zellwachstum),
vaskularer
endothelialer Zellwachstumsfaktor (regt Wachstum von Blutgefäßen an und erhöht
dadurch die
Sauerstoffversorgung).
Ein erster Hinweis auf Missbrauch mit einem Gendoping-Präparat wurde 2006
bekannt. In E-Mails
eines deutschen Leichtathletiktrainers wurde wiederholt das Therapeutikum
Repoxygen erwähnt.
Er musste sich vor diesem Hintergrund 2006 vor dem Magdeburger Amtsgericht wegen
des Verdachtes
auf einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz verantworten. Repoxygen wird
direkt in
den Muskel gespritzt und verändert dort durch Einfügen eines Genabschnitts
indirekt die Aktivität
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Verfasserinnen: Dipl.-Chem. Susanne Donner, Prakt. Bettina Jonas, Fachbereich WD
8, Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit, Bildung und Forschung
des Gens für Erythropoetin (EPO). Im Endeffekt entsteht so mehr EPO, die
Vermehrung der roten
Blutkörperchen wird angeregt. Es kann mehr Sauerstoff aufgenommen werden und die
Ausdauer
steigt. Die britische Gentechnologiefirma Oxford Biomedica erforschte Repoxygen
vor einigen Jahren
als Therapeutikum bei Blutarmut, verfolgte den Ansatz jedoch nicht weiter.
Repoxygen wurde
bislang offiziell nur an Mäusen und Affen getestet, bei denen die Zahl der roten
Blutkörperchen um
80 Prozent zunahm. Allerdings traten auch erhebliche Nebenwirkungen auf.
Risiken des Gendopings
Da das Gendoping auf einem gentherapeutischen Eingriff beruht, gehen damit
ähnliche Unwägbarkeiten
einher wie mit der Gentherapie. Die Risiken werden beim Gendoping allerdings
dadurch
potenziert, dass prinzipiell nicht zugelassene Wirkstoffe eingesetzt werden
können wie im Fall von
Repoxygen. Mögliche Nebenwirkungen sind bei diesen nicht zugelassenen
Wirkstoffen kaum vollständig
untersucht und die Herstellung ist an keine Sicherheitsauflagen gebunden.
Ein zusätzliches Risiko gentherapeutischer Eingriffe resultiert daraus, dass
nicht exakt gesteuert
werden kann, an welche Stelle des Erbguts der neue Genabschnitt eingefügt wird.
Je nach Position
im Erbgut können sich andere Folgen ergeben, da eine Interaktion mit
benachbarten Genabschnitten
auftritt. Aus diesem Grund starben in der Vergangenheit drei von achtzehn
Kindern mit
einer angeborenen Immunerkrankung nach einer Gentherapie an den Folgen einer
Leukämie.
Nebenwirkungen des Gendopings wiegen vermutlich besonders schwer, da es zu einer
langfristigen
ggf. lebenslangen Modifikation des Erbgutes führt. Beim klassischen Doping
klingen Nebenwirkungen
häufig nach Beendigung der Einnahme des Dopingmittels ab.
Da die für das Gendoping in Frage kommenden Botenstoffe auch für die Steuerung
anderer Körperfunktionen
wichtig sind, wird deren genetische Veränderung mit hoher Wahrscheinlichkeit
auch
andere Körperfunktionen beeinflussen. So ist der Botenstoff IGF-1 maßgeblich am
Wachstum
sämtlicher Körperzellen, nicht nur der Muskelzellen beteiligt.
Die Folgen eines gentherapeutischen Eingriffs mit gesteigerter EPO-Produktion
wurden bereits an
Mäusen untersucht. Diese Tiere wiesen eine verkürzte Lebensdauer und
Schädigungen an mehreren
Organen und dem Nervensystem auf. Nebenwirkungen, die bei weiteren Studien mit
Repoxygen
auftraten, sind allergische Reaktionen, die Verdickung des Blutes,
Bluthochdruck, Thrombosen,
schwere Anämien infolge einer Autoimmunreaktion und Herzversagen.
Die spezifischen Auswirkungen variieren zwar je nach Präparat. Insgesamt werden
die Risiken des
Gendopings aber aufgrund der obigen Annahmen in der Fachliteratur als deutlich
höher eingeschätzt
als bei herkömmlichem Doping.
Nachweis von Gendoping
Um Gendoping direkt nachweisen zu können, müssen die fremden Genabschnitte
aufgespürt werden.
Da diese nicht immer im Blut zu finden sind, reicht in einigen Fällen eine
Blutuntersuchung
nicht aus. Zwar kann ein Missbrauch auch durch eine genetische Untersuchung der
Muskelzellen
festgestellt werden. Aber dafür müsste in einem invasiven Eingriff (Biopsie)
Muskelgewebe entnommen
werden, was den Sportlern in der Regel nicht zugemutet werden kann. Weitere
Verfahren
befinden sich daher in der Entwicklung.
Ein Test, der Spuren fremder Genabschnitte im Blut aufspürt, wird vom
Universitätsklinikum
Tübingen entwickelt. Dabei wird ausgenutzt, dass das eingeschleuste Erbmaterial
anders aufgebaut
ist als das natürliche menschliche Erbgut (Fehlen von Introns). Andere Tests
beruhen darauf,
dass die Botenstoffe, die aus einem künstlich eingefügten Genabschnitt gebildet
werden, sich geringfügig
von den natürlichen Botenstoffen unterscheiden. Ein indirekter Beleg für
Gendoping wäre
auch der Nachweis von Genfähren im Blut.
Generell stellt es jedoch eine große Herausforderung dar, Gendoping bei
Sportlern aufzudecken.
In der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA wird daher diskutiert, ein Profil der
Aktivität der Gene jedes
Sportlers (über ein Genexpressionsprofil oder indirekt über einen Blutpass) zu
speichern und bei
Dopingkontrollen lediglich zu prüfen, ob dieses verändert ist. Eine Veränderung
würde Gendoping
oder herkömmliches Doping vermuten lassen.
Quellen:
- Schneider, Angela; Friedmann, Theodore (2006). Gene Doping in Sports: The
Science and Ethics of Genetically
Modified Athletes. Elsevier Academic Press, In: Advances in Genetics, Bd. 51.
- Haisma, H.; de Hon, O. (2006). Gene Doping. In: Int J Sports Med, 2006; Bd.
27: 257-266.
- Reinberger, Stefanie (2004). Muskeln nach Maß. In: Spektrum der Wissenschaft,
August 2004, 95-97.
- Alexander, I. E.; Trent, R. J. (2006). Gene therapy in sport. In: Br J Sports
Med, 2006, 40: 4-5.
Normale Maus (links) und mit deaktiviertem Myostatin (rechts)
Das
Aufsehen war groß, als vor einigen Jahren die Bilder von
muskelbepackten Mäusen und Rindern durch die Medien gingen. Bei
diesen Tieren wurde das Myostatin inaktiviert – ein Gen, welches
das Muskelwachstum einschränkt. Damit war der Wissenschaft ein
entscheidender Schritt im Verständnis des Muskelwachstums
gelungen. Die Aussichten waren fantastisch: Würde das
Ausschalten von Myostatin auch beim Menschen gelingen, könnte
man Patienten mit AIDS oder muskeldegenerativen Krankheiten
entscheidend weiterhelfen. Auch die Supplementeindustrie sprang
sofort auf den fahrenden Zug auf und verkaufte genauso
überteuerte wie wirkungslose Myostatin-Blocker für
Freizeitsportler – sozusagen Gendoping für zuhause. Eine Studie
fand nun ein weiteres, hochwirksames Protein, das ähnlich dem
Myostatin die Muskelsynthese reguliert - Follistatin.
Follistatin verstärkt die Wirkung von Myostatin
Genmanipulierte Mäuse, die nur wenig oder gar kein Myostatin
produzieren, weisen etwa die doppelte Menge an Muskulatur auf
als ihre nicht-manipulierten Artgenossen. Derselbe Effekt konnte
übrigens auch bei Rindern, Schafen, Hunden und sogar Menschen
mit dem entsprechenden Gendefekt nachgewiesen werden.
Von Follistatin war bereits bekannt, dass es Myostatin hemmt
und dadurch das Muskelwachstum erheblich fördert. Ein
Forscherteam rund um den Molekularbiologen Se-Jin Lee von der
Johns Hopkins Universität in Baltimore interessierte sich aber
dafür, ob Follistatin auch über andere Wirkmechanismen Einfluß
auf das Muskelwachstum nehmen würde. Dafür benutzte er
genmanipulierte Mäuse, die absolut kein Myostatin mehr
produzieren konnten, dafür aber reichlich Follistatin
synthetisierten. Da kein Myostatin mehr vorhanden war, konnten
die zusätzlich aufgetretenen Effekte nur vom Follistatin
stammen.
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Gendoping mit Follistatin lässt die Muskeln explodieren
Es zeigte sich, das die genmanipulierten Mäuse die vierfache
Muskelmasse im Vergleich zu ihren unmanipulierten Artgenossen
entwickelten. Die Muskelfaserdicke stieg um 117 Prozent und es
fanden sich insgesamt 73 Prozent mehr Muskelfasern. Besonders am
Brustkorb und am Bauch legten die Mäuse dramatisch zu.
Es konnte somit bewiesen werden, dass Follistatin seine
Wirkung nicht nur über die Hemmung von Myostatin entfaltet,
sondern weitere Mechanismen beteiligt sein müssen. Lee öffnete
damit eine weitere Tür im Labyrinth der Muskelforschung.
Mütter regulieren das Muskelwachstum ihrer Nachkommen
Das Forscherteam fand zudem heraus, dass die Muskelmasse
neugeborener Mäuse von der Anzahl der defekten Myostatin-Gene
ihrer Mütter abhing. Je weniger intakte Myostatin-Gene die
Mutter aufwies (und je weniger Myostatin sie dadurch
produzierte), desto muskulöser waren die Nachkommen. Demnach
musste ein pränataler Transfer eines muskelregulierenden Hormons
zwischen Mutter und Fötus stattfinden.
Dieser Umstand lies eine äußerst wichtige und bis dahin nicht
bewiesene Schlussfolgerung zu: Myostatin zirkuliert im Blut
und wirkt systemisch! Der Regelkreis rund ums Myostatin ist zwar
bisweilen nur in seinen Ansätzen erforscht, Spekulationen gehen
aber davon aus, dass es im Wesentlichen zwei Funktionen
ausführt:
- Regulation des lokalen Muskelwachstums als Antwort auf
spezifische Stimulatoren (z.B. Krafttraining, Verletzungen).
- Regulation des Zusammenspiels zwischen Fett und
Muskulatur als Antwort auf allgemeine Stimulatoren wie z.B.
dem Ernährungsstatus.
Gendoping
Nicht nur die Viehzucht ist auf die genannten Gene und
Proteine aufmerksam geworden, auch die Welt des Sports hat die
Ohren gespitzt. Gendoping heißt das Zauberwort, das schon bald
Realität werden könnte. Doch auch im Bereich der Medizin könnten
mögliche Wirkstoffe Einsatz finden, z.B. bei muskeldegenerativen
Erkrankungen. Die Forschung ist also von einem möglichen Einsatz
beim Menschen nicht abgeneigt, solange er ethisch korrekten
Zielen dient (wozu Doping nicht gehört).
Bisher hat sich die Wissenschaft darauf konzentriert,
Myostatin spezifisch zu blockieren. Durch die Ergebnisse von Lee
scheint dies aber nicht der richtige Weg zu sein, da Myostatin
nur ein Rad ungewissen Ausmaßes in der Regulation des
Muskelwachstums zu sein scheint. Diese Vermutung gewinnt durch
den Umstand an Bedeutung, dass beim Menschen geringere
Konzentrationen von Myostatin im Blut gefunden wurden als bei
Mäusen. Es könnte demnach also sein, dass beim Menschen das
Myostatin nur eine untergeordnete Rolle spielt und andere,
bisher unentdeckte Stoffe mehr Einfluß ausüben. Deshalb ist es
essentiell, erst das Zusammenspiel der beteiligten Gene und
Genprodukte zu kennen, bevor in den Regelkreis effektiv
eingegriffen werden kann.
Lee äußerte sich in einem Spiegel Interview zur Doping
Problematik:
»Bodybuilder und professionelle Sportler sind schon
aufmerksam, die Welt Anti-Doping Agentur allerdings auch.«
Die Herausforderung sei, jedes neue Medikament von den
falschen Leuten fernzuhalten.«
Ein edles Ziel, aber fern jeder Realität.
Lee SJ. Quadrupling Muscle Mass in
Mice by Targeting TGF-ss Signaling Pathways. PLoS ONE.
2007 Aug 29;2(8):e789.